Priene: Hellenistische Rasterstadt mit Athena-Tempel

Priene bei Söke: ein am Hang angelegter Stadtplan im Raster, der Athena-Tempel mit Alexanders Namen und der vom Mäander verlandete Hafen.

Priene liegt im Landkreis Söke der Provinz Aydın, nahe Güllübahçe, am Fuß des Mykale-Gebirges. Es ist eine kleine hellenistische Stadt, deren Straßen sich im rechten Winkel kreuzen und Stufe um Stufe an den Hang gesetzt sind; nach Schätzungen lebten hier zwischen vier- bis fünftausend und sechstausend Menschen. Oberhalb der Stadt ragen die Säulen des Athena-Tempels auf, der durch eine Inschrift mit dem Namen Alexanders des Großen bekannt ist.

Das Interessante an Priene ist, dass sich sein Plan noch immer lesen lässt. Die Geschichte der Stadt und ihres Tempels verbindet sich mit Alexanders Anatolienfeldzug von 334, mit der vom Mäander (Menderes) aufgefüllten Bucht und mit der Frage, warum der Name Hippodamos in die Irre führen kann.

Kurz und knapp

Geschichte

Wie oft wurde die Stadt verlegt?

Die erste Gründung Prienes wird legendär auf eine Kolonie aus Theben (um 1000 v. Chr.) und eine ionische Siedlung im 11. Jahrhundert v. Chr. zurückgeführt. Laut Wikipedia verlegte eine Reihe von Erdbeben um 700 v. Chr. die Stadt an einen Ort innerhalb von 8 km um die Stelle, an der später die Stadt des 4. Jahrhunderts stehen sollte; um 500 v. Chr. wurde die Stadt noch einmal verlegt, zum Hafen Naulochos. Der Bau der neuen Stadt am heutigen Ort begann um 350 v. Chr. unter dem karischen Satrapen Mausolos und setzte sich nach Alexander fort. Auch Livius legt die Neugründung ins 4. Jahrhundert und schreibt, sie sei „vielleicht auf Anregung des Maussolus“ erfolgt.

Der Rasterplan

Wikipedia schreibt, die Stadt sei auf einem rechteckigen Raster angelegt worden: sechs Hauptstraßen in Ost-West-Richtung (etwa 6 m), fünfzehn Querstraßen (etwa 3 m) und rund 80 Wohnblöcke mit je acht Häusern. Baumaterial war der lokale Marmor der Mykale, für Dächer und Böden Holz. Die Mauern waren 2 m dick und mit in Abständen stehenden Türmen und drei Haupttoren umgeben. Die Wasserversorgung und Entwässerungssysteme der Stadt sind bis heute erhalten.

Der Name „Hippodamischer Plan“ kann dagegen irreführen. Livius schreibt, Milet sei nach der Zerstörung durch die Perser (494 v. Chr.; diese Livius-Seite nennt 493) mit einem Rasterplan neu gegründet worden, Hippodamos habe diesen Entwurf also nicht erfunden, und sofern er keine außergewöhnlich lange Laufbahn hatte, sei der Name „Hippodamischer Plan“ eine Fehlbenennung; Priene nimmt er in die Liste der nach hippodamischen Grundsätzen gegründeten Städte auf, bindet die Stadt aber nicht an die Person des Hippodamos. Dass Hippodamos aus Milet stammte, steht in derselben Quelle. Die Küre Ansiklopedisi sagt dagegen, Priene sei nach dem Rasterplan des Hippodamos von Milet gebaut worden; die Benennung ist in den Quellen also umstritten.

Alexander und der Athena-Tempel

Nach Livius weihte Alexander im Sommer 334 v. Chr., während er bei der Belagerung Milets in Priene weilte, der Stadt den Tempel; der Architekt Pytheos ist derselbe, der auch am Mausoleum von Halikarnassos gearbeitet hat. Der Wikipedia-Artikel über Priene schreibt, Alexander habe angeboten, den Tempel unter der Bedingung zu finanzieren, dass er ihm geweiht werde, die Weihung sei 323 v. Chr. erfolgt; der Tempelartikel dagegen sagt, Alexander habe den Bau 334, nach seinem Sieg am Granikos, finanziert. Das Datum der Weihung (334, 323 oder um 330?) hängt also von der Quelle ab.

Der Marmorblock mit der Inschrift „König Alexander weihte den Tempel der Athena Polias“ wurde 1868–1869 bei der Untersuchung von Richard Pullan im Auftrag der Gesellschaft der Dilettanti in der Umgebung des Tempels gefunden; er misst etwa 120 × 49,5 cm, ist beidseitig beschriftet und befindet sich unter der Nummer 1870,0320.88 im British Museum. Die andere Seite des Blocks erzählt von der Beilegung von Gebietsstreitigkeiten zwischen Nachbarkönigreichen nach der Vertreibung der Perser. Die Inschrift wird auf etwa 330 v. Chr. datiert.

Der Tempel war ein Peripteros ionischer Ordnung auf einer hohen Terrasse, vorn und hinten mit sechs Säulen (hexastyl); er wurde um 350–330 v. Chr. gebaut, die Säulen sind etwa 11,5 m hoch. Der Ostteil und die Kapitelle stammen aus dem 4. Jahrhundert v. Chr., die westlichen Teile blieben mindestens zwei Jahrhunderte unvollendet. Der kappadokische König Orophernes förderte die Arbeiten um 158–156 v. Chr.; das Kultbild wurde durch eine Kopie der Athena des Phidias in Athen ersetzt (Akrolith; etwa 6,5 m). Unter Augustus wurde der Bau mit römischer Unterstützung vollendet, und auf den Ostarchitrav wurde der Name des Augustus geschrieben. Im 7. Jahrhundert verfiel der Tempel durch Erdbeben; fünf Säulen wurden 1965–1966 aus dem Trümmerfeld wiedererrichtet.

Das Verschwinden der Bucht

Im 4. Jahrhundert v. Chr. hatte Priene zwei Häfen an der Bucht von Milet; das Schwemmmaterial des Mäander füllte die Bucht auf. Geoarchäologische Befunde zeigen, dass die Stadt ihren Hafen und die Verbindung zum Meer etwa im 1. Jahrhundert v. Chr. verlor; um 300 n. Chr. war die Bucht von Milet bis auf den Bafa-See vollständig verlandet. Auch Pausanias (2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt das Verlanden der Bucht bei Myus. Die Stadt bestand dennoch weiter: In römischer und byzantinischer Zeit ging es ihr gut, aus der Spätantike ist eine Synagoge (mit Menora-Relief) bekannt; 1204 erkannte der lokale Herrscher Sabas Asidenos das Kaiserreich Nikaia an, und die byzantinische Kontrolle dauerte bis Ende des 13. Jahrhunderts. Nach dem Bevölkerungsaustausch von 1923 ließ sich die türkische Bevölkerung in Güllübahçe nieder.

Grabungen

Nach Wikipedia entsandte die Gesellschaft der Dilettanti 1765 und 1868 Forschungsexpeditionen; der Tempelartikel schreibt, Richard Chandler habe 1764–1765, die Gesellschaft 1811–1812 Oberflächenuntersuchungen durchgeführt. Pullan grub 1868–1869 und brachte die Funde ins British Museum. Theodor Wiegand arbeitete 1895–1899; einige Funde befinden sich im Pergamonmuseum in Berlin. Nach der Küre Ansiklopedisi begann die systematische Grabung 1895 unter der Leitung von Carl Humann und wurde nach Humanns Tod von Wiegand bis 1899 fortgesetzt. Dieselbe Quelle schreibt, die Stadt sei im 13. Jahrhundert n. Chr. wegen unzureichender Wasserquellen und regionaler politischer Veränderungen aufgegeben worden.

Was es zu sehen gibt

Rasterplan und Straßen

Steingepflasterte Straßen weisen noch heute auf den Plan hin. Eine alte Rekonstruktionszeichnung nach den deutschen Grabungen von 1895–1898 zeigt eine rechteckige Stadt am Fuß des steilen Hangs und ganz oben die Akropolis.

Panorama von Priene nach den deutschen Grabungen von 1895–1898: oben die Akropolis, unten die Stadt im Raster
Panorama von Priene nach den deutschen Grabungen von 1895–1898: oben die Akropolis, unten die Stadt im RasterFoto: Wellcome Collection · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons
Steingepflasterte antike Gasse und Mauer
Steingepflasterte antike Gasse und MauerFoto: Inga Tomane · CC0 · Wikimedia Commons

Der Athena-Tempel

Vom Tempel stehen fünf Säulen (1965–1966 wiedererrichtet).

Die fünf wiedererrichteten Säulen des Athena-Tempels, dahinter der Hang
Die fünf wiedererrichteten Säulen des Athena-Tempels, dahinter der HangFoto: Inga Tomane · CC0 · Wikimedia Commons

Theater und Bouleuterion

Nördlich der Agora liegen ein gut erhaltenes hellenistisches Theater, das Bouleuterion und das Prytaneion; das Bouleuterion war ein Raum mit Holzdach, der einem kleinen Theater ähnelte. Das Bouleuterion fasst etwa 640 Personen und hat in der Mitte einen Altar; das Theater bot 5.000 Zuschauern Platz und hat Prohedrie-Sitze aus Marmor sowie einen Dionysos geweihten Altar.

Orchestra und Bühnengebäude des Theaters von Priene von oben
Orchestra und Bühnengebäude des Theaters von Priene von obenFoto: Adrian Farwell · CC BY 3.0 · Wikimedia Commons
Stufenförmige Sitzreihen des Bouleuterions; in der Mitte der Altarsockel, auf dem ein Kind steht
Stufenförmige Sitzreihen des Bouleuterions; in der Mitte der Altarsockel, auf dem ein Kind stehtFoto: Wolfgang Glock · Public domain · Wikimedia Commons

Das obere Gymnasion

Das obere Gymnasion hatte römische Bäder; am südlichsten Ende der Stadt lag ein großes Stadion.

Reste des oberen Gymnasions, dahinter der Akropolisfelsen
Reste des oberen Gymnasions, dahinter der AkropolisfelsenFoto: O.Mustafin · CC0 · Wikimedia Commons

Die Ebene

Von der Stadt aus sieht man heute die Ebene des Mäander; in der Antike war dies eine Meeresbucht.

Blick von Priene auf die Ebene des Mäander
Blick von Priene auf die Ebene des MäanderFoto: Rabe! · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Auf der Route

Priene ist die neunte Erzählung der Route „Die Ägäisküsten“; davor liegen die Taubeninsel und die Streckenerzählung der Route über die Ebene des Mäander. Die nächste Station ist Milet, danach folgt Didyma.

Häufige Fragen

Hat Hippodamos Priene entworfen?

Die Quellen gehen auseinander. Die Küre Ansiklopedisi führt den Plan auf Hippodamos zurück; Livius dagegen sagt, das sei umstritten: Hippodamos stamme aus Milet, der Rasterplan sei schon vor ihm verwendet worden, auch wenn er seinen Namen trage, und Milet sei nach der persischen Zerstörung (494 v. Chr.) mit diesem Plan neu gegründet worden.

Was tat Alexander in Priene?

Nach Livius weihte er im Sommer 334 v. Chr., während er bei der Belagerung Milets in Priene weilte, der Stadt den Tempel der Athena Polias; die Inschrift im British Museum lautet „König Alexander weihte den Tempel der Athena Polias“.

Warum liegt Priene heute nicht an der Küste?

Das Schwemmmaterial des Mäander füllte die Bucht von Milet auf. Geoarchäologische Befunde zeigen, dass Priene seinen Hafen und die Verbindung zum Meer etwa im 1. Jahrhundert v. Chr. verlor.

Wann wurde in Priene gegraben?

Wiegand arbeitete 1895–1899 im Auftrag des Berliner Museums; zuvor hatte Pullan 1868–1869 den Tempel der Stadt ausgegraben und die Teile ins British Museum gebracht.

Quellen

Im Video ansehen